Augusto Boal und das Theater der Unterdrückten
Wer mit den Methoden des Theaters der Unterdrückten spielt, arbeitet mit den Ideen von Augusto Boal. Hier erfährst du, wer er war, woher seine Methoden kommen und wie sie genau ablaufen.
Wer war Augusto Boal?

Augusto Boal war Theaterwissenschaftler, Dramatiker und vor allem Praktiker. Er wurde am 16. März 1931 in Rio de Janeiro geboren und studierte Theaterwissenschaften und Chemie und entschied sich zum Glück fürs Theater. Er schrieb Theaterstücke, inszenierte sie und tourte mit seiner Theatergruppe durchs Land.
Unter dem Eindruck der Militärdiktatur entwickelte Boal am Teatro de Arena in São Paulo eine neue Theateridee, die ganz Lateinamerika erreichte: das „Theater der Befreiung“, angelehnt an Paulo Freires „Pädagogik der Unterdrückten“. Bekannt wurde es als „Teatro do Oprimido“, auf Deutsch „Theater der Unterdrückten“.
Weil er Alphabetisierungsprogramme unterstützte und dabei seine Methoden erprobte, wurde er 1971 verhaftet und gefoltert. Danach musste er Brasilien verlassen. Er lebte in Buenos Aires und ab 1978 in Paris im Exil und kehrte erst 1986, nach dem Ende der Diktatur, zurück. Als Stadtrat von Rio de Janeiro erprobte er Formen direkter Demokratie, aus denen echte Gesetze entstanden. Boal starb am 2. Mai 2009 in Rio de Janeiro.
Theater als Werkzeug für Veränderung
Boal wollte Volkstheater schaffen, nicht über die Menschen, sondern mit ihnen. Für ihn war Theater eine Antwort auf soziale Fragen: ein Mittel, Konflikte zu verstehen und Alternativen zu zeigen. Am wichtigsten war ihm die Erfahrung der Betroffenen selbst.
„Wenn man ein Theater der Befreiung praktizieren will, ist es unabdingbar, dass die Betroffenen ihre Themen benennen.“Augusto Boal

Wie funktioniert das Theater der Unterdrückten?
Die Methoden verbinden Kunst mit Selbsterfahrung und politischem Probehandeln. Probehandeln heißt: Auf der Bühne wird ausprobiert, was im echten Leben schwerfällt, bevor es darauf ankommt. Boal wollte aus einem passiven Publikum handelnde Menschen machen. Deshalb nannte er sie „Zuschauspieler*innen“: Sie dürfen selbst auf die Bühne gehen und im geschützten Als-ob-Raum der Rolle ausprobieren, was sie im Alltag anders machen würden.
Es geht darum, sich aus Alltagszwängen zu befreien, das eigene Handeln besser zu verstehen und gesellschaftliche Regeln und Werte zu hinterfragen. Die Methoden stoßen einen Prozess an. Sie geben keine fertigen Antworten vor, sondern wecken die Kreativität der Menschen, eigene zu finden.
Die Methoden

Boal hat eine ganze Familie von Methoden entwickelt. Am Anfang steht fast immer das Statuentheater: Die Gruppe zeigt ihre Erfahrungen in stummen Körperbildern, ganz ohne Worte. Ein Bild von Unterdrückung lässt sich so in Sekunden bauen und danach Schritt für Schritt in ein Bild der Befreiung verwandeln. Dazu kommen das Zeitungstheater, das Nachrichten szenisch auseinandernimmt, das Unsichtbare Theater, das Forumtheater, das Legislative Theater, aus dem in Rio Gesetze entstanden, und der Regenbogen der Wünsche. Alle haben dasselbe Ziel: Menschen sollen vom Zuschauen ins Handeln kommen.
Forumtheater: So läuft eine Aufführung ab
Die Gruppe hat ihre Szenen vorher gemeinsam entwickelt und geprobt. Jede Szene zeigt eine Situation, die für eine Figur schlecht ausgeht: Sie wird ausgegrenzt, beleidigt, übergangen. Durch den Abend führt der Joker, eine Art Spielleitung zwischen Bühne und Publikum.
- Die Szene wird gezeigt. Das Publikum sieht zu, wie die Situation kippt.
- Der Joker fragt nach. Was ist da gerade passiert? Wer hätte anders handeln können, damit es gut ausgeht? Wie kann sich die betroffene Person wehren, und wer kann ihr helfen?
- Die Szene läuft noch einmal. Diesmal darf jemand aus dem Publikum „Stopp!“ rufen, eine Rolle übernehmen und die eigene Idee auf der Bühne ausprobieren. Die Spielenden improvisieren aus ihren Rollen heraus und reagieren echt.
- Gemeinsam nachdenken. Hat es funktioniert? Wie hat es sich angefühlt? Dann lädt der Joker zur nächsten Idee ein.

So wird aus einer Aufführung ein gemeinsames Training. Niemand muss die perfekte Lösung finden. Jeder Versuch zeigt etwas, auch einer, der nicht klappt. Boal nannte das ein ästhetisches Training für künftiges Handeln: Wer einmal auf der Bühne eingegriffen hat, weiß, wie sich das anfühlt, und traut es sich im Alltag eher zu.
Unsichtbares Theater: Theater, das niemand bemerkt
Boal entwickelte das Unsichtbare Theater Anfang der 1970er-Jahre im Exil in Argentinien, wo offenes politisches Theater gefährlich war. Die Idee ist aber älter: Schon in der Weimarer Republik spielten Gruppen Szenen auf der Straße, um Menschen mitten im Alltag zum Nachdenken zu bringen. Boal gab der Methode ihren Namen und begründete sie so: Unsichtbare Unterdrückung braucht unsichtbares Theater.
„Unsichtbares Theater ist nicht realistisch, es ist real.“Augusto Boal, 1989
Die Gruppe entwickelt eine Szene zu einer Alltagssituation, in der Diskriminierung passiert, und probt sie genau: Wer sagt was? Wie reagieren wir, wenn sich jemand einmischt? Wann hören wir auf? Dann spielt sie die Szene im Bus, auf dem Marktplatz oder in der Fußgängerzone. Die Umstehenden halten das Geschehen für echt. Sie sind erst Beobachter*innen, und wenn sie eingreifen, werden sie zu Zuschauspieler*innen. Nach dem Spiel kommen die Spielenden mit ihnen ins Gespräch über das, was gerade passiert ist.

Jede Aufführung wird gut geplant: mit klaren Absprachen, Rollen für den Notfall und einer Nachbesprechung in der Gruppe. So fühlen sich alle Beteiligten sicher.
Regenbogen der Wünsche: die Polizisten im Kopf
Im europäischen Exil machte Boal eine neue Beobachtung. Die Menschen, mit denen er arbeitete, wurden nicht von Soldaten bedroht wie in Brasilien. Trotzdem fühlten sie sich eingeengt: durch Angst, Einsamkeit, das Gefühl, nicht zu genügen. Die Unterdrückung war so sehr Teil des Alltags geworden, dass sie sie gar nicht mehr erkannten. Sie hatten sie verinnerlicht und schränkten sich selbst ein. Daraus entstand der Regenbogen der Wünsche, eine Sammlung von Techniken, die innere Konflikte sichtbar und spielbar machen.
Die „Polizist im Kopf“-Technik
Jeder Mensch trägt Gebote und Verbote mit sich herum: Glaubenssätze, Normen und Werte, die er in Erziehung und Alltag aufgenommen hat. Selten werden sie hinterfragt, denn wir haben sie aus unserem Umfeld übernommen. Manche von ihnen werden zu Polizisten im Kopf, die uns bremsen, ohne dass wir es merken („Das steht mir nicht zu.“ „Ich darf keine Schwäche zeigen.“). In dieser Technik spielen andere aus der Gruppe diese Polizisten. Plötzlich stehen sie im Raum, sichtbar, mit Körper und Stimme. Und was sichtbar ist, kann man verändern.
Die introspektive Technik
Introspektiv heißt: Der Blick geht nach innen. Bevor man einen Polizisten im Kopf loswird, lernt man ihn kennen. Wer ist er? Woher kommt er? Warum denkt er so? Was will er eigentlich? Welche Gefühle, Körperempfindungen und Bilder tauchen auf, wenn er spricht? Aus dem Einzelnen wird dabei oft etwas Gemeinsames: Viele in der Gruppe kennen ähnliche Stimmen.
Die Regenbogen-Übung

Eine Person bringt eine Konfliktsituation mit, in der sie nicht weiterkommt. Oft liegt es daran, dass sie Verschiedenes zugleich will, und die Wünsche widersprechen sich. Andere aus der Gruppe verkörpern diese Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse, jeden in seiner eigenen Farbe: der ganze Regenbogen. Dann wechselt die Person die Seite und schlüpft in die Rolle ihres Gegenübers. Mit dem geschärften Blick auf beide Seiten probiert sie in Improvisationen aus, wie sie anders handeln könnte.
Du möchtest das mit deiner Gruppe ausprobieren? Schreib mir gerne.
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